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66 – Wimpernschlag   1 comment

Nohs sang den Gesang der Jäger, als er sich auf die Eindringlinge stürzte. Er war einer der Ersten und hatte sich als Ziel den größten und stärksten Gegner ausgewählt. Hätte Nohs sich neben ihn gestellt, er hätte ihm kaum bis zur Brust gereicht. Doch er spürte die Kraft Rednas durch seine Adern peitschen. Und sah, wie die Angst die Augenlider seines Gegners flattern ließ. Nohs würde dem Fremden den Tod bringen, das war so sicher wie der Flug des Reldas. Nur noch wenige Sätze …

Nohs spürte plötzlich noch etwas anderes. Etwas, das er schon längst hätte spüren müssen, wäre er nicht so sehr auf den Angriff versessen gewesen. Etwas, das ihn binnen eines Wimpernschlags zum Stehen brachte. Zu spät!

65 – Lanze   1 comment

So langsam dieses Volk seinen Angriff auch führte, irgendwann musste jeder Abstand auf ein Minimum schrumpfen. Jetzt bereute Tom, dass er sich hier als Held aufspielte. Wieso hielt Mona ihn nicht davon ab? Warum unternahm die kampferfahrene Agentin nichts?

Als er diesen Gedanken gerade zu Ende gedacht hatte und sich zu Mona umdrehen wollte, bekam er es mit dem ersten Angreifer zu tun. Ein junger Krieger, der so plötzlich auf ihn zu schoss, als habe ihn ein Insekt in den Hintern gestochen. Die Spitze seines Speeres, den er im Laufen wie eine Lanze auf Tom gerichtet hielt, bestand aus einem bläulich funkelnden Stein, dessen gehärtete Kanten tödliche Wunden versprachen. Und der Typ sang!

64 – Eindringlinge   1 comment

Sie hatten sie eingekreist. Nohs beobachtete die Eindringlinge genau, während er sich gemeinsam mit den anderen Jägern näherte. In seinem ganzen Leben hatte er keine so seltsamen Lebewesen gesehen. Dabei waren sie den Jägern durchaus ähnlich. Und doch – das spürte er – fremdartiger als alle Völker – Mensch oder Tier -, die auf Redna lebten. Sie trugen merkwürdige Kleidung. Nohs kannte kein Tier und keine Pflanze, aus der man solche Kleider machen konnte. Und diesen Wesen klebte sie am ganzen Körper. Ihre Haare waren von unterschiedlicher Farbe. Und viele trugen sie kurz wie bei einem Kind. Andere hatten dafür Haare im Gesicht, wie es Nohs bei keinem Menschen je gesehen hatte. Und auch ihre Haut – soweit sie überhaupt zu sehen war – war von ganz anderer Art. Grobporig und viel dunkler als bei den Jägern. Es gab keinen Stamm auf Redna, von dem Nohs wusste, dessen Haut vergleichbar war, sei sie nun rot, grün, gelb oder weiß wie bei den Jägern.

Doch in Einem unterschieden sich die Eindringlinge nicht von den Lebewesen Rednas: In ihren Augen zeigte sich die Angst, seit sich die Jäger ihnen offenbart hatten. Denn die Jäger waren den Eindringlingen um ein Vielfaches überlegen.

50 – Hand in Hand   Leave a comment

„Runter!“, schrie Mona und warf sich hinter den Tisch.
Tom zog Lisa mit sich. Noch im Fallen bemerkte er, wie Mona Tsieg schnappte und in ihrer Jacke verschwinden ließ. „Sie haben Verstärkung bekommen“, flüsterte er ihr zu.
Mona nickte und kontrollierte ihre Waffe.
„Haben wir euch!“ Die Stimme von Boss.
Die Bäckersfrau kreischte. Ein Schuss fiel. Das Kreischen hörte auf. Dumpf schlug der Körper auf den Fußboden. Jetzt schrie Lisa. Tom hielt ihr die Hand vor den Mund.
„Ihr habt keine Chance! Gebt das Artefakt heraus und ihr seid uns los!“
Mona stieß ihn an. Sie hielt den Finger vor den Mund. Dann streckte sie ihre Hand aus. Was sollte das? Das passte gar nicht zu ihr. Er zögerte. Energisch wiederholte sie die Geste. Er gab ihr die Rechte, hielt mit der anderen weiter Lisa umklammert.
„Wirf die Waffe weg! Dann kommt ihr alle mit erhobenen Händen raus! Sonst holen wir euch!“
Tom sah es jetzt erst: Mona hielt Tsieg in der freien Hand. Sie streichelte die Figur mit dem Daumen. Und sie murmelte irgendetwas. Ihr Griff wurde fester, als wolle sie um jeden Preis verhindern, dass Tom sie losließ. Was war mit ihr? Angst konnte es nicht sein. Nicht bei Mona. Auch wirkte sie vollkommen ruhig, beinahe weggetreten. Ihre andere Hand schimmerte. Nein, nicht die Hand – Tsieg! Wie war das möglich? Eine Holzfigur! Sie schimmerte. Flimmerte. Nicht nur Tsieg, alles um ihn herum. Sterne tanzten. Immer schneller, immer wilder, bis einer nach dem anderen erlosch. Dann war es dunkel!

45 – Ein böser Streich   Leave a comment

Lisa war diese Frau unheimlich. Sie wirkte so emotionslos. Ganz anders als alle Frauen, die sie kannte. Und sie schien es auf ihren Tsieg abgesehen zu haben. Tom versicherte ihr allerdings, dass man ihr vertrauen könne. Und im Moment blieb ihr wohl ohnehin keine andere Wahl.

Jetzt kam die Frau aus dem Badezimmer zurück, schüttelte kurz den Kopf und lauschte an der Wohnungstür. Dann zog sie sie langsam auf und lugte, die Waffe im Anschlag, ins Treppenhaus. Lisa konnte leise Schritte von mehreren Personen hören, die die Treppe heraufstiegen. Die Frau – Lisa meinte sich zu erinnern, dass Tom sie Mona genannt hatte – machte die Tür weiter auf, winkte ihnen, den Zeigefinger an die Lippen gepresst. Als sie die Wohnung verlassen und die Tür nahezu lautlos wieder geschlossen hatten, zeigte Mona nach oben. Tom zog Lisa hinter sich her die Stufen hinauf. Auf einen Wink von Mona blieben sie eine Etage weiter oben stehen.

Lisa drängte es, ihre Verwirrung herauszuschreien. Noch immer war ihr nicht klar, was hier für ein Spiel gespielt wurde. War es vielleicht wirklich ein Spiel? Ein böser Streich von Tom? Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm das zutrauen wollte. Er hatte sie doch die ganze Zeit in Ruhe gelassen. Und rachsüchtig war er noch nie gewesen. Andererseits hatte er oft vollkommen verrückte Ideen gehabt. Und er war auch nicht gerade jemand, der sich dabei ernsthaft Gedanken um mögliche Konsequenzen machte.

Sie betrachtete ihren Exfreund. Er wirkte angespannt. Seine Stirn war schweißfeucht. Die Hand, mit der er die ihre umklammert hielt, zitterte. Ein Schauer packte sie und ließ sie nicht mehr los.

44 – Zivilisten   Leave a comment

Sie war nicht mehr dieselbe. Die Jahre der Zweisamkeit hatten sie verändert. Niemals hatte sie das deutlicher gespürt als in diesem Moment. Die nahezu ausweglose Situation erforderte Härte. Sie sollte sich das Artefakt schnappen und die beiden Zivilisten ihrem Schicksal überlassen. Die Gefahr, dass sie alle drei in die Hände der Killer fielen, war einfach zu groß.

Mona blickte Tom an. Dann schaute sie zu seiner verschreckten Ex, die sich noch immer in seine Arme drängte, die kleine Faust um Tsieg verkrampft.

Sie zog ihre Waffe. Lisa zuckte zusammen.
„Wir müssen hier raus!“, sagte Mona ruhig und ging ins Bad, um das Fenster zu checken.

 

42 – Das blöde Ding   Leave a comment

Auf diesen Anblick hatten ihn die Ereignisse der letzten Stunden nicht vorbereiten können. Wie ein verletztes Kaninchen kauerte Lisa zwischen dem Chaos auf dem Boden ihres Flures. Einen Moment erschien es ihm, als seien ihre Augen vor Schreck gefroren.

Dann erst erkannte sie ihn, sprang auf und warf sich ihm an den Hals. „Sie haben alles durchwühlt!“, schluchzte sie und ihre Tränen feuchteten seinen Kragen. „Sieh nur, die Kommode. Wer tut so etwas?“
Er wusste nicht, was er antworten sollte.
Mona drängte sich an ihnen vorbei in die Wohnung. „Haben sie etwas mitgenommen?“
Lisa riss den Kopf herum. „Wer ist das?“, kreischte sie, während Mona unbeeindruckt die Wohnung besichtigte.
„Das ist Mona Heimel.“ Tom streichelte beruhigend Lisas Hinterkopf. „Sie ist eine Agentin von …“ Ihm wurde bewusst, dass ihm gar nicht klar war, für wen Mona arbeitete.
„Polizei?“, fragte Lisa argwöhnisch und sah der Agentin hinterher.
„So ähnlich. Sie kümmert sich um diesen Fall.“
„Fall? Was für ein Fall? Was geht hier eigentlich vor?“
„Sie sind in großer Gefahr!“ Mona kam aus dem Wohnzimmer zurück. „Wo ist das Artefakt?“
Lisa antwortete ihr nicht, sondern wandte sich an Tom: „Wovon redet die?“
„Die Holzfigur, die ich dir mal geschenkt habe.“
„Tsieg?“ Lisa trat einen Schritt zurück und öffnete ihre Faust. Die hässliche Figur kam zum Vorschein.

So viel Wirbel um dieses blöde Ding. Tom konnte noch immer nichts Besonderes an dem Teil entdecken. Es war klein, hatte in seiner gesamten Länge in Lisas zierliche Faust gepasst. Der Kopf nahm fast ein Drittel der Figur ein, mit groben Schnitten waren die Gesichtszüge in das rotbraune Holz geschnitzt. Als Mona danach greifen wollte, wandte sich Lisa ab und presste Tsieg an ihre Brust, als habe ihr die Agentin ihr Baby wegnehmen wollen.

Ein Hauch von Ärger huschte über Monas Gesicht. Dann aber stutzte sie, ging zur Wohnungstür und lauschte. Tom hatte es auch gehört. Die Haustür war ins Schloss gefallen. Doch jetzt war es merkwürdig still. Keine Schritte im Treppenhaus.
Mona richtete sich auf. „Sie kommen!“